Seit 60 Jahren produziert das Familienunternehmen HERMKO Unterwäsche am Fuße der Schwäbischen Alb. Mit den Töchtern Romy und Denise Koch ist mittlerweile die dritte Generation im Unternehmen aktiv. Zusammen mit Vater Werner und Mutter Ute Koch vertreiben sie ein fast wöchentlich wachsendes Sortiment an Unterwäsche für Damen, Herren und Kinder in kleinen Größen bis zu Übergrößen. Werner und sein Vater Hermann Koch, der die Firma 1958 gegründet hatte, belieferten zunächst große Kaufhausketten. Doch um die Jahrtausendwende stagnierte der Verkauf. Das Traditionsunternehmen verzeichnete Rückgänge in den Verkaufszahlen und musste um seine Existenz kämpfen. Mit dem Einstieg der beiden Töchter ins Unternehmen kam frischer Wind in die Firma. Sie entdeckten den Online-Handel als Vertriebsweg und führten das Familienunternehmen wieder auf die Erfolgsspur.

Auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Zürich, am Rande der süd-westlichen Schwäbischen Alb, liegt die kleine Gemeinde Rietheim-Weilheim mit rund 2.800 Einwohnern. Vier von ihnen sind die Eheleute Ute und Werner Koch und ihre Töchter Romy und Denise, im Dorf bekannt als die HERMKO-Familie. Werner Kochs Vater, Hermann Koch, nach dem das Familienunternehmen benannt wurde, hatte die Firma im Jahr 1958 zunächst als reine Lohnstrickerei zur Herstellung von Strickwaren für Fremdfirmen gegründet. Ein Jahr später startete HERMKO mit der eigenen Herstellung von Damenslips, später erweiterte die zweite Generation mit Werner und Ute Koch das Sortiment um Damenhemden, Kinder- und Herrenwäsche. Über Jahrzehnte verkaufte das Familienunternehmen ihre Ware an große Kaufhausketten in Deutschland. Erst im Jahr 2000 eröffnete HERMKO auch einen eigenen Fabrikverkauf für regionale Kunden im ehemaligen Wohnhaus der Großeltern. Auf der Höhe des Erfolgs beschäftigten Werner und Ute Koch rund 80 Mitarbeiter in der hauseigenen Näherei, der Großteil von ihnen aus Rietheim und den naheliegenden Nachbargemeinden.

Kampf um die Existenz

Kurz nach der Jahrtausendwende nahte die Krise, die sich bis zu ihrem Höhepunkt im Jahr 2009 von Jahr zu Jahr ausweitete. Die belieferten Warenhäuser konnten die bisherige Produktmenge nicht mehr abnehmen. Das Familienunternehmen musste starke Rückgänge verzeichnen und kämpfte um seine Existenz. „Es war eine schwere Zeit. Wir mussten langjährigen Mitarbeitern kündigen und Kurzarbeit einführen, um nicht zugrunde zu gehen. Das hat uns alle stark mitgenommen“, erinnert sich Werner Koch. Auch der Sortimentsausbau mit vielen neuen Artikeln brachte nicht die erhoffte Wende. Für Werner Koch war klar: Der einzige Weg aus der Krise wäre die Erschließung neuer Vertriebswege. „In dieser Zeit sah ich im Internet einen Film über die Möglichkeiten, durch den Online-Handel die Endkunden direkt zu erreichen. Ich wusste sofort: Das müssen wir machen. Das kann uns aus der Krise hinausführen. Aber ich selbst kannte mich im Online-Bereich nicht aus, das war für mich ein Buch mit sieben Siegeln“. Also wandte er sich an seine älteste Tochter Romy. Nach ihrer Ausbildung als Industriekauffrau stieg sie 2010 ins Unternehmen ihrer Eltern ein.

Der Weg aus der Krise

Der Einstieg in den Online-Handel hat unser traditionsreiches Familienunternehmen aus der Krise gerettet.
Werner Koch, Inhaber von HERMKO

Die damals 23-jährige Romy stand ab sofort vor der Aufgabe, den Online-Handel für HERMKO aufzubauen. Das Vorhaben erschien zunächst riskant, denn von sämtlichen Seiten – ob von der Hausbank oder vom Steuerberater – stießen ihre Pläne auf Gegenwind. „Alle prophezeiten uns, das werde nicht klappen, unsere Produkte seien nicht für den Online-Verkauf geeignet, die Margen zu gering. Aber unsere Familie glaubte einfach daran, dass es funktionieren würde“, sagt Romy heute. Also arbeitete sie sich Stück für Stück in die Thematik ein, um schließlich mit einigen ausgewählten Produkten den Verkauf über Amazon zu starten. „Am Anfang waren wir ganz stolz, wenn wir zwei bis drei Produkte am Tag online verkauften. Mein Vater hat die Pakete damals noch selbst in seinem Büro eingepackt und die Adressen per Hand auf die Verpackungen geschrieben, und meine Mutter brachte sie dann in einem kleinen Täschchen zu Fuß zur Post um die Ecke, damit die Kunden die Unterwäsche schnell in ihren Händen halten können“, erinnert sich Romy. Als die Anzahl der Pakete stetig zunahm, bauten die Kochs den Versand immer weiter aus. Aus der Tragetasche wurde ein Trolley, aus dem Trolley eine Postbox, und später brachte ein Mitarbeiter die Ware in einem voll bepackten Auto zur Post.

„Der Online-Handel hat uns gerettet“

Mittlerweile fährt ein externer Paketzusteller das Werk in Rietheim-Weilheim zweimal täglich mit einem großen LKW an, um die bestellte Ware dort abzuholen. Um die Masse an Produkten überhaupt vorrätig zu haben, hat die Familie mit Unterstützung ihrer Mitarbeiter zwei Drittel der Fabrikhallen zu einem Lager ausgebaut. In zahlreichen übereinander und hintereinander gestapelten Pappkartons warten Unterhemden, Slips und Leggings in allen Formen, Farben, Materialien und Größen darauf, von der Schwäbischen Alb an Kunden in ganz Europa verschickt zu werden. Für die Kommissionierung, das Verpacken, die Produktion und das Lager konnte HERMKO wieder neue Arbeitsplätze schaffen und Mitarbeiter aus dem Ort einstellen. Heute arbeiten rund 50 Menschen in der Zentrale in Rietheim. Ein Teil des Sortiments wird nach wie vor in der hauseigenen Näherei zugeschnitten und genäht. Um die große Nachfrage durch das Online-Geschäft zu decken, arbeitet HERMKO zusätzlich mit drei Nähereien in Kroatien zusammen. Die Stoffbahnen bezieht HERMKO von einem Zulieferer von der Schwäbischen Alb. Die jüngste Tochter Denise, die 2013 ebenfalls ins elterliche Unternehmen eingestiegen ist, übernimmt die Präsentation, Abbildung und Beschreibung der Artikel bei Amazon.de. Angespornt durch den Erfolg und um noch mehr Ware für den schnellen Versand vorrätig zu haben, nutzt HERMKO auch den Service „Versand durch Amazon“. Dafür schickt das Familienunternehmen einen Teil seiner Ware direkt in ein Amazon Logistikzentrum. Amazon liefert die Produkte von dort im Namen von HERMKO an die Endkunden, kümmert sich um den Kundenservice und wickelt Rücksendungen ab. „Einer der Vorteile ist, dass unsere Angebote mit dem Versand durch Amazon den Prime-Status haben und so noch schneller bei unseren Kunden in ganz Europa ankommen. Der umsatzstärkste Tag und für uns jedes Mal ein besonderes Highlight ist der Prime Day“, erklärt Denise Koch.

Mittlerweile hat HERMKO sogar einen eigenen Webshop eröffnet. Das nächste Projekt: Der Bau einer neuen Produktions- und Lagerhalle, die die bisherige Produktionsfläche verdoppelt. Werner Koch ist sich sicher, dass sein Traditionsunternehmen ohne den Online-Handel heute nicht mehr existieren würde: „Amazon hat uns gerettet, das ist ganz klar“.