Seit einem Jahr unterstützt Amazon ein Urban-Greening-Programm von The Nature Conservancy (TNC) in Berlin, um die Folgen des Klimawandels mit naturbasierten Lösungen einzudämmen. Das Programm entwickelt derzeit ein Begrünungsmodell und hat große Potentiale entdeckt. Im Gespräch erzählt Jamie Chan, Program Director bei The Nature Conservancy Deutschland, mehr über die Fortschritte des Projekts.

Eine Frau mit schwarzen schulterlangen Haaren lächelt in die Kamera.
Jamie Chan, Program Director bei The Nature Conservancy

Ein Jahr ist seit dem Start des Urban-Greening-Projekts in Berlin vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Liegt alles im Zeitplan?

Trotz neuer Herausforderungen im Zuge der Pandemie verläuft das Programm nach Plan und wir machen große Fortschritte. Im vergangenen Jahr haben wir ein starkes Kernteam aufgebaut, zu dem auch eine Wissenschaftlerin mit umfangreichen Erfahrungen im Bereich naturbasierte Lösungen gehört, die direkt im Umwelt- und Naturschutzamt Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf arbeitet. Dadurch können wir den Wissenstransfer in die Kommunalpolitik stärken.

Was haben die im Juni 2020 gestarteten wissenschaftlichen Arbeiten bisher ergeben?

Die wissenschaftlichen Arbeiten haben bereits beachtliche Potentiale für Grünentwicklung im Bezirk aufgedeckt. Dazu gehören zum Beispiel bislang ungenutzte Flächen, die durch Begrünung einen großen Beitrag zur Klimaanpassung und Steigerung der Biodiversität leisten können. Erste Analysen zeigen, dass insbesondere Dachflächen ein großes Flächenpotential für Begrünungsmaßnahmen bieten. Im Rahmen einer Gründachanalyse werden derzeit die mehr als 23.000 Dachflächen im Bezirk hinsichtlich ihres Begrünungspotentials näher untersucht. Zum anderen zeigt sich, dass auch bestehende Grünflächen ein großes Potential hinsichtlich biologischer Vielfalt und Klimawiderstandsfähigkeit bergen. Dazu gehören nicht nur die großen Parkanlagen, sondern auch die versteckten Grünflächen wie zum Beispiel begrünte Mittelstreifen von Straßen, urbane Brachflächen oder Abstandsgrün zwischen Gebäuden. Diese Potentiale erfassen wir nun im Rahmen einer umfangreichen Vegetationsaufnahme genauer, in der insgesamt 70 verschiedene urbane Grünflächen im Bezirk floristisch kartiert und hinsichtlich ihres ökologischen Zustands bewertet werden.

Insbesondere bei der Entwicklung von artenreichem Grünland bestehen im urbanen Kontext riesige Potentiale. Erste Versuche im Bezirk zeigen, dass schon mit günstigen Maßnahmen große Erfolge im Hinblick auf die Entwicklung von Artenvielfalt erzielt werden können. Und auch dem Klima kommt dies zu Gute.
Dr. Ulrich Heink, Umwelt- und Naturschutzamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Was ist die Methodik zur Entwicklung des Begrünungskonzepts?

Wir konzentrieren uns im Bezirk auf drei zentrale Maßnahmen für Grünlandentwicklung: Aufwertung von bestehendem Grünland, Begrünung in Bodennähe und Begrünung von Dächern. Für jede Maßnahme erstellen wir räumliche Analysen mit drei konzeptionellen Kategorien: (1) Opportunity, also wo ist diese Maßnahme möglich? (2) Priority, wo ist diese Maßnahme am wichtigsten? (3) Impact, was ist der messbare Nutzen der Maßnahme? Dies unterstützt kommunale Entscheidungsträger:innen bei den Planungsprozessen für Grünlandentwicklung.

Lässt sich bereits absehen, wie sich das Projekt konkret auf die Situation im Bezirk und die dort lebenden Menschen auswirken wird?

Umweltbildung, Naturerfahrung und Grünversorgung sind wichtige Ziele, die wir mit diesem Programm erreichen wollen. Wir arbeiten an einem Demo-Projekt im Stadion Wilmersdorf, wo sich bereits erste Auswirkungen für die Anwohner:innen erkennen lassen. Dort wird erstmals eine urbane Schafbeweidung auf den stillgelegten und renaturierten Tribünen eingeführt, wobei das Stadion noch aktiv von Sportvereinen und der Öffentlichkeit genutzt wird. Die Schafe werden hier als natürliche „Landschaftspfleger“ eingesetzt, um den Wildwuchs der Vegetation auf nachhaltige Weise zu steuern und die Artenvielfalt zu erhöhen. Wir sehen unser Programm auch als Beitrag zur Minderung der Klimafolgen. Nicht zuletzt macht die anhaltende Covid-Pandemie die Bedeutung grüner Infrastruktur zur Stärkung der körperlichen und geistigen Gesundheit von Stadtbewohner:innen besonders deutlich.

Wie sind Bezirk und Nachbarschaften in die Gestaltung und Umsetzung eingebunden?

Wir arbeiten sehr eng mit dem Bezirk zusammen und treffen uns regelmäßig, um die Beteiligten auf dem Laufenden zu halten und ihre Anregungen in die Entscheidungsfindungen mit einzubeziehen. Bürgerbeteiligung ist ein integraler Bestandteil unserer Projekte.

Kommen die Erkenntnisse auch anderen Städten in Deutschland und Europa zugute? Was sind die Pläne?

Ja, sowohl die Erkenntnisse aus unseren Pilotprojekten als auch des Gesamtkonzeptes sollen positive Impulse für weitere Städte und Kommunen in Deutschland und Europa geben. Zunächst ist es uns wichtig, unsere Analysephase nach wissenschaftlichen Maßstäben abzuschließen. Das Konzept wird dann im nächsten Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir möchten später auch ein „Best-Practice-Handbook“ herausgeben können, das als Leitfaden für integrierte Urbane Grünplanung und Klimaanpassungstrategien in urbanen Bereichen dienen soll. Hierbei sollen beispielsweise auch die Vorteile und Herausforderungen einer Partnerschaft zwischen Privatsektor, Nichtregierungsorganisationen und öffentlichen Einrichtungen thematisiert werden, die einen wichtigen und innovativen Bestandteil dieses Programms darstellen.