Im Bildvordergrund: Eine junge Frau mit Brille, Headset und blauer Weste. Links neben ihr (etwas unscharf) erkennt man eine Besucherin in gelber Sicherheitsweste.
Patricia Schade (re.), Tour-Guide in Bad Hersfeld: „Wir versuchen unser Bestens, jeden Tourwunsch zu ermöglichen.“
Foto von Holger Peters

Katja und Jörg arbeiten bereits seit einigen Jahren in der Inventurabteilung des Logistikzentrums FRA3 in Bad Hersfeld. Normalerweise prüfen sie Lagerbestände, filtern beschädigte Artikel aus dem Bestand oder kümmern sich darum, dass aus den Regalen gefallene Produkte wieder ihren richtigen Lagerplatz finden. Heute ist es jedoch ihre Aufgabe, 16 jugendlichen und meist gehörlosen SchülerInnen ihre Arbeit zu zeigen und die Fragen zu beantworten.

Mehrmals in der Woche gibt es kostenlose Besichtigungstouren in verschiedenen Logistikzentren, sie stehen grundsätzlich allen Interessierten offen. „Wir versuchen unser Bestens, jeden Tourwunsch zu ermöglichen“, sagt Amazon Tour-Guide Patricia Schade. Für den Besuch der Hermann-Schafft-Förderschule gab es einen intensiven Austausch zwischen ihr und der Schule: „Wir wollten natürlich sicherstellen, dass unsere Gäste alles gut mitbekommen.“ Die Hermann-Schafft-Schule im hessischen Homberg ist eine Schule für Hörgeschädigte und Sehbehinderte mit sonderpädagogischem Beratungs- und Förderzentrum.

Wenn wir andere Unternehmen besuchen, treffen wir nicht oft auf gehörlose MitarbeiterInnen.
Maya Röhe, Schulkoordinatorin für Berufsorientierung an der Hermann-Schafft-Förderschule:

Die Idee für den Besuch bei Amazon kam von Maya Röhe, Schulkoordinatorin für Berufsorientierung an der Hermann-Schafft-Schule: „Der Blick hinter die Kulissen bei Amazon und die Dialogmöglichkeiten waren toll für unsere Jugendlichen. Wenn wir andere Unternehmen besuchen, treffen wir nicht oft auf gehörlose MitarbeiterInnen. Viele Unternehmen schrecken davor zurück, Menschen mit Beeinträchtigungen einzustellen.“

Diese Erfahrung mussten auch Katja und Jörg machen: „Für mich war damals die Jobsuche sehr frustrierend“, sagt Katja. Jörg ergänzt: „Meistens waren die Arbeitgeber der Meinung, gehörlose Menschen könnten nicht gut arbeiten. Sie hatten keine Lust, mit uns zu kommunizieren und unsere Probleme zu verstehen.“

In Bad Hersfeld werden Gebärdendolmetscher für die Einarbeitung gehörloser Kollegen eingesetzt. Die so genannten „Start Meetings“ vor Schichtbeginn werden via Live-Videokonferenzen von Gebärdendolmetscher übersetzt, sodass gehörlose Mitarbeiter dieselben Informationen erhalten wie hörende Kollegen. Bei Notfällen wie Feueralarm werden gehörlose Kollegen durch einen vibrierenden Pager gewarnt, den sie bei sich tragen.

Für Maya Röhe von der Hermann-Schafft-Schule steht fest: „Das war bestimmt nicht unsere letzte Besichtigungstour bei Amazon.“ Mit Tour-Guide Patricia Schade plant sie bereits eine Fortsetzung. Und wer weiß: Vielleicht erlebt sie dann eine ähnliche Überraschung wie bei einem ihrer Besuche: „Ich habe bei der Tour einen ehemaligen Schüler getroffen, der dort arbeitet. Darüber habe ich mich riesig gefreut!“

Hier kann man sich für eine Besuchertour in einem Logistikzentrum anmelden.