Dr. Betty Mohler-Tesch ist mit Leib und Seele Wissenschaftlerin und blickt auf eine 20-jährige akademische Karriere zurück. Dennoch tauschte sie eines Tages eine renommierte Stelle als Professorin gegen eine Anstellung bei Amazon. Denn hier soll ihre Forschungsarbeit direkt und skalierbar eingesetzt werden – indem sie Kundinnen und Kunden Onlineeinkäufe leichter und angenehmer macht und die Retourenquoten senkt. Wir stellen die gebürtige Amerikanerin und leitende Wissenschaftlerin im Amazon Entwicklungszentrum in Tübingen vor.

Die 41-Jährige ist seit 2018 Teil des Tübinger Amazon Teams und verwandelt dort Pixel in Menschen. Aktuell forscht sie an einer Art virtuellen Umkleidekabine. Ihren Antrieb für diese Arbeit zieht sie auch aus ihrer persönlichen Erfahrung als Onlineshopperin. „Ich weiß, dass es ziemlich frustrierend sein kann, online Kleidung zu kaufen. Man bestellt etwas und dann passt es einem nicht richtig, weil die Größen oft unterschiedlich ausfallen. Also muss man es wieder zurückschicken. Diese negativen Erfahrungen können wir zukünftig durch Avatare, also virtuelle, dreidimensionale Menschen, auf ein Minimum reduzieren“, ist Betty überzeugt. Aus einem einfachen Foto, das Kundinnen und Kunden von sich hochladen, könnte eine dreidimensionale virtuelle Person werden, die Kleidung anprobieren kann. Man würde dann sofort erkennen, ob ein Kleidungsstück gut aussieht und ob es passt. Retourenquoten im Bereich Bekleidung sollen damit gesenkt werden, so die Hoffnung von Betty und ihrem Forschungsteam.

In virtuellen Welten zuhause

Die Forschung an Virtueller Realität (VR), virtuellen Körpern und Körperwahrnehmung begleitete Betty bereits viele Jahre während ihrer akademischen Karriere. Seit 2001 beschäftigt sie sich mit computergenerierten Welten, arbeitete als Studentin in Pennsylvania zum Beispiel an einem Projekt, das virtuelle chirurgische Trainingssimulatoren entwickelte. Während ihrer Promotion an der Universität in Utah widmete sie sich dem menschlichen Verhalten und der Interaktion in der virtuellen Welt. In dieser Zeit kam sie das erste Mal für ein dreimonatiges Praktikum an das Max-Planck-Institut nach Tübingen. „Ich habe mich sofort in die Stadt verliebt – die Kultur, die wunderschöne Natur ringsherum und nicht zuletzt die ausgeprägte akademische Gemeinde“, so Betty. 2007 zog sie endgültig nach Tübingen, wo sie zehn Jahre lang am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik arbeitete. „Das sogenannte ‚Cyberneum‘ galt damals schon als eine der besten Forschungseinrichtungen der Welt für Virtual Reality“, erinnert sie sich. „Dort gibt es zum Beispiel eine Anlage zur digitalen Erfassung von Körperbewegungen und eine Roboter-Achterbahn, die für die Erforschung der menschlichen Bewegungswahrnehmung eingesetzt wird.“ Mit Hilfe virtueller Avatare untersuchte sie, wie Menschen ihren Körper in der Realität wahrnehmen. Ihre Forschung brachte unter anderem neue Erkenntnisse für das Verständnis und die Therapie von Essstörungen. Später übernahm sie eine Professur für Sensormotorische Steuerung und Lernen am Sportwissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Darmstadt.

Ein ganz neues Abenteuer

Als Betty in dieser Funktion 2018 nach einem führenden Technologieunternehmen suchte, um in den Semesterferien einen Einblick in dessen Forschung in den Bereichen VR, maschinelles Sehen und maschinelles Lernen zu erhalten, kam sie mit Amazon in Kontakt. Sie sprach nicht nur mit der Personalabteilung, sondern lernte unter anderem auch mehrere Wissenschaftler und Scholars von Amazon kennen. Der Austausch mit ihnen und das Vorstellungsgespräch in Seattle machten sie neugierig auf Amazon. „Mir wurden interessante Fragen gestellt und die Aussicht darauf, mit so vielen talentierten Wissenschaftlern, Entwicklern, Managern und User-Experience-Designern zusammenzuarbeiten, war verlockend“, erzählt Betty. „Ich bekam Lust darauf, meine langjährige Forschung in einem Produkt umzusetzen. Eigentlich habe ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, das akademische Umfeld zu verlassen und ich hätte auch nie gedacht, einmal Vollzeit für Amazon zu arbeiten, aber diese Idee fühlte sich wie ein ganz neues Abenteuer an.“

Schon immer konzentrierte sie sich in ihrer Forschung besonders auf die Nutzer ihrer VR-Anwendungen. Deshalb ist es ihr wichtig, dass ihre Forschung multidisziplinär aufgestellt ist. „Ich forsche an der Gestaltung von Technik für den Menschen. Deshalb möchte ich neben der technischen Dimension auch menschliche Wahrnehmung, Verhalten und Bewusstsein gleichzeitig betrachten und verstehen. Das bedeutet, dass ich von Forschern aus verschiedenen Disziplinen umgeben sein muss, wie z.B. Maschinelles Sehen und Lernen, Mensch-Computer-Interaktion und Verhaltensneurologie.“

Ich weiß, dass es ziemlich frustrierend sein kann, online Kleidung zu kaufen. Durch Avatare können wir diese negativen Erfahrungen auf ein Minimum reduzieren.
Betty Mohler

Beste Bedingungen für die Forschung

Geleitet von dieser Prämisse entschied sich Betty, ihre Position als Professorin gegen eine Stelle als Leitende Wissenschaftlerin bei Amazon zu tauschen. Die Entscheidung war für sie genau richtig: „Amazon bietet mir neben dieser fachübergreifenden Umgebung drei wichtige Werkzeuge für die Forschung: eine absolute Fokussierung auf die Kundinnen und Kunden, die neuesten Entwicklungen im Bereich der Hard- und Software und relevante Kenndaten, um Forschungsfragen zu beantworten, die in einer Universitätsumgebung schwierig zu beantworten sind“, sagt Betty.

Die bedingungslose Kundenorientierung von Amazon spiegelt Bettys Forschungsinteresse dabei besonders gut wider. „Der Wunsch zu wissen, was die Bedürfnisse der Kundschaft sind und wie diese Bedürfnisse am besten erfüllt werden können, passt zu den Methoden und Analysen, die ich beim Studium des menschlichen Verhaltens gelernt habe“, schlussfolgert Betty. „Ich liebe die Herausforderung, etwas zu entwerfen, das im großen Stil in der Realität Anwendung findet und funktioniert. Der Mensch stand dabei schon immer im Mittelpunkt meines Interesses. Ich möchte, dass meine Forschung einen unmittelbaren Einfluss auf die Gesellschaft hat. Wenn wir alle in ein paar Jahren nur noch das online bestellen, was wirklich zu uns passt, dann bin ich diesem Ziel ein großes Stück nähergekommen.“