Deutschlandweit hat das Cyber-Valley noch nicht den Bekanntheitsstatus seines Namensgebers, des berühmten Silicon-Valleys, erreicht. In der Region Stuttgart-Tübingen wird das Technologiezentrum für Künstliche Intelligenz (KI) aber seit längerem viel diskutiert. Von Chancen und Risiken der KI, aber auch von Kommerzialisierung der Forschung und ethischen Fragen ist die Rede. Besonders Amazons Pläne, ein neues Forschungszentrum auf dem Campus des Cyber-Valley zu errichten, entfachte den Diskurs aufs Neue. Amazon verfolgt den Meinungsaustausch von Beginn an und stellt sich in Podiumsdiskussionen, Seminaren der Universität und im Gemeinderat dem Dialog. Im Folgenden wollen wir zu den meistgestellten Fragen der Bürgerinnen und Bürger noch einmal Stellung beziehen.

1. Warum hat Amazon einen Standort in Tübingen eröffnet?

Amazon ist in Tübingen einer von sieben Partnern aus der Wirtschaft im sogenannten Cyber Valley, einer der größten Forschungskooperationen Europas aus Wissenschaft und Wirtschaft auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI). Das Besondere an diesem Standort ist die enge Zusammenarbeit zwischen Spitzenforschern aus aller Welt und der Industrie. Wie kaum ein anderer Bereich der Wissenschaft wird die Forschung im Bereich KI durch den Austausch von anwendungsbezogener Industrieforschung und neugiergetriebener Grundlagenforschung vorangebracht. Forschung bleibt nicht abstrakt, sondern es werden konkrete Anwendungsmöglichkeiten geschaffen, die das Alltagsleben aller Menschen verbessern können. Amazon ist von diesem Ansatz überzeugt und investiert daher im Cyber Valley nicht nur in neue Arbeitsplätze, sondern auch in die Nachwuchsförderung und die Stärkung des Standorts Tübingen als Technologiestandort.

2. Warum will Amazon in Tübingen ein neues Forschungszentrum eröffnen?

Amazon hat in Tübingen bereits ein Interimsbüro mit einem kleinen Forschungsteam eröffnet. Das Unternehmen will mit seinem Tübinger Forschungs- und Entwicklungszentrum innerhalb der nächsten fünf Jahre wachsen und plant deshalb, ein neues Gebäude bauen zu lassen und anzumieten. Innerhalb von fünf Jahren sollen rund 100 Mitarbeiter eingestellt werden, die im Austausch mit lokalen Forschungseinrichtungen in mehreren Anwendungs- und Forschungsbereichen arbeiten. Die Teams in Tübingen wollen die angewandt-wissenschaftlichen Fragestellungen für Amazons weltweite Kunden lösen und Produkte entwickeln, die auch zukünftig die Kundenerfahrung verbessern werden. Das jetzige Interimsbüro, in dem das Forschungsteam untergebracht ist, bietet auf Dauer nicht genug Platz und damit nicht die nötigen Voraussetzungen.

3. Wie sehen die Pläne für das neue Gebäude aus und wer hat es geplant?

Das Gebäude, das auf dem Campus an der Oberen Viehweide entstehen soll, wurde in enger Abstimmung mit dem Baubürgermeisteramt der Stadt Tübingen geplant. Die Stadt hat Amazon bei der Planung Auflagen hinsichtlich Bau und Nutzung gestellt. So wird das neue Gebäude eine öffentlich zugängliche Gastronomie beherbergen sowie einen Co-Working-Space, der für alle zugänglich sein wird. Besonderes Augenmerk wird auf ökologische Aspekte gelegt. Das Gebäude wird nicht nur mit maximaler Energieeffizienz gebaut, es wird auch großer Wert auf nachhaltige Materialien beim Rohbau und bei der Innenausstattung gelegt sowie auf die ökologische Gestaltung des Außenbereichs.

KI Forschung in Tübingen
Ein 3D-Labor des Max-Planck-Instituts in Tübingen. Auch Amazon forscht an der 3D-Scan-Technologie.
Foto von Wolfram Scheible

Als Bauunternehmen wurde nach einer öffentlichen Ausschreibung die schwäbische Firma Reisch GmbH aus Bad Saulgau ausgewählt. Die Reisch GmbH wird gleichzeitig Eigentümer des Grundstücks und des Gebäudes sein und es an Amazon vermieten. Die Pläne der Firma Reisch (nach einem Entwurf des Stuttgarter Architektenbüros Bodamer-Faber) sowie ein weiterer Konkurrenzentwurf wurden im Gestaltungsausschuss der Stadt Tübingen gesichtet, diskutiert und schließlich der jetzige Entwurf der Firma Reisch ausgewählt. In regelmäßigen Gesprächen zwischen Vertretern des Baubürgermeisteramts, der Reisch GmbH und Amazon werden die Pläne geprüft und gesichtet. Der Baubeginn ist für Ende 2019 und die Fertigstellung im Sommer 2021 geplant.

4. Woran wird bei Amazon in Tübingen gearbeitet?

Amazon betreibt in Tübingen mit einem Team aus Wissenschaftlern Forschung im Bereich der Künstlichen Intelligenz, speziell in den wissenschaftlichen Bereichen Lernen von Kausalität und Computer Vision (Maschinelles Sehen) und hier wiederum in vier Unterbereichen:

Bildoptimierung: Durch optimierte Bilder sollen die Ladezeiten von Bildern auf Webseiten verkürzt werden, ohne dabei die Qualität zu reduzieren.

Super Resolution: Teams von Amazon entwickeln Methoden, um digitale Bilder mit schlechter Qualität und niedriger Auflösung größer und qualitativ besser zu machen.

3D Scan-Technologie: Amazon forscht an einem Programm, mit dem man dreidimensionale virtuelle Avatare erstellen kann. Das Programm erfasst auch Bewegungen. Dadurch kann man beispielsweise Kleidung virtuell am eignen Körper anprobieren.

Kausalität: Ein Forscherteam versucht, Computern beizubringen, aus Datensätzen kausale Zusammenhänge zu erfassen. Die KI soll in der Lage sein, Ursache und Wirkung zu erkennen.

5. Woran wird nicht geforscht?

Amazon wird immer wieder damit konfrontiert, dass das Unternehmen in Tübingen an militärischen Projekten oder im Auftrag des Militärs forschen würde. Das ist falsch. Amazon lehnt die Forschung für militärische Projekte in Tübingen ab und betreibt hier vor allem Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Es liegt in der Natur der Grundlagenforschung, dass sie die Basis für weitere Forschung schafft. Die Verwendung von Forschungserkenntnissen liegt nach ihrer Veröffentlichung nicht mehr ausschließlich in den Händen von Amazon.

6. Entscheiden Amazon und die anderen Unternehmenspartner der Cyber Valley-Initiative, an was an den Universitäten Tübingen und Stuttgart und am Max-Planck-Institut geforscht wird?

Nein, die Forschung bleibt unabhängig. In der Cyber-Valley-Initiative geht es um freie Grundlagenforschung, nicht um Produkt- oder Auftragsforschung. Die beteiligten Unternehmen zahlen in einen Forschungsfonds ein, auf den sich Nachwuchsforscher mit Forschungsideen bewerben können. Industriepartner wie Amazon können Themenbereiche vorschlagen, die Entscheidung, welches Forschungsprojekt in Angriff genommen wird, liegt aber bei den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern selbst.

7. Wie arbeitet Amazon mit den Universitäten und dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme zusammen?

Im Rahmen des Cyber-Valley-Verbunds stehen die Amazon Mitarbeiter in Tübingen in mehreren Forschungsbereichen im engen Austausch mit lokalen Forschungseinrichtungen. Dazu gehören die Universitäten Stuttgart und Tübingen sowie das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, mit dem Amazon eine strategische Zusammenarbeit vereinbart hat, um die Forschung im Bereich der KI voranzubringen. Amazon investiert in den kommenden Jahren 1,25 Millionen Euro, um neue Forschungsgruppen der Cyber-Valley-Initiative in Tübingen zu finanzieren. Diese Gruppen können sich für die Förderung bewerben und damit zusätzliche Forschungsstellen, z.B. Promotionsstellen oder Post-Doc-Stellen, schaffen. Außerdem unterstützt Amazon die Max-Planck-Gesellschaft jährlich mit Amazon Research-Awards im Wert von 420.000 Euro (500.000 US-Dollar). Die Ergebnisse der geförderten Projekte werden sowohl in Form von wissenschaftlichen Publikationen als auch mittels Open-Source-Software öffentlich zugänglich gemacht.

Eine weitere Kooperation besteht zwischen Amazon und den sogenannten Amazon Scholars. In Tübingen arbeiten die beiden Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme, Michael Black und Bernhard Schölkopf, als Scholars in einer Nebentätigkeit bei Amazon. Das Scholars-Programm bietet Akademikern die Möglichkeit, Forschungsmethoden in der Praxis zu testen und anzuwenden, während es dem Unternehmen ermöglicht, den Kontakt zu wissenschaftlichen Einrichtungen und den dort diskutierten Fragestellungen zu halten.

8. Wird Amazon Ethikrichtlinien und eine Zivilklausel unterstützen und bis wann soll es die geben?

Derzeit gibt es noch keine abschließenden normativen Standards speziell für KI, weder auf lokaler, nationaler noch internationaler Ebene. Diese werden zurzeit in zahlreichen Gremien und Organisationen entwickelt. Mit seiner hohen Expertenzahl bietet Tübingen die besten Voraussetzungen, diesen notwendigen Diskurs auf internationaler Ebene mitzuprägen. Dazu ist die Voraussetzung, dass KI-Spitzenforschung auch vor Ort stattfindet.

Das Modell des Amazon Gebäudes in Tübingen.
Das neue Gebäude soll bis zum Sommer 2021 fertig sein.

Amazon unterstützt die bestehende Forderung des Gemeinderats nach einer Selbstverpflichtung darüber, nur für zivile Zwecke zu forschen, vollumfänglich. Eine Zivilklausel ist aktuell nicht Bestandteil des Vertrags der Cyber Valley-Initiative, deshalb hat Amazon diese Klausel formal bislang nicht unterschreiben können, fühlt sich der Idee jedoch ideell verpflichtet.

Amazon begrüßt die Einrichtung eines öffentlichen Beirats (Public Advisory Board) der Cyber Valley-Initiative und engagiert sich für die Entwicklung eines Leitbildes der Initiative, bei dem ihre Vision, Mission und Werte verankert werden sollen. Dazu gehören auch ethische Werte.

9. Was hat die Stadt Tübingen von Amazons Ansiedlung?

Mit der Ansiedlung von Amazon gewinnt die Stadt ein internationales Unternehmen, das viele Talente anzieht und durch Kooperationen mit der Universität und lokalen Forschungsinstitutionen Absolventen eine Perspektive in der Stadt gibt.

Durch das Engagement in der Cyber Valley-Initiative fördert Amazon die Forschung an Künstlicher Intelligenz in Tübingen sowohl finanziell als auch durch die Kooperationen mit Universitäten und dem Max-Planck-Institut.

Darüber hinaus engagieren sich die Mitarbeiter von Amazon, wie an allen anderen Standorten weltweit, auch lokal. Aktuell unterstützen die Mitarbeiter von Amazon Tübingen verschiedene Projekte im Rahmen des „Marktplatz der guten Geschäfte“.

10. Viele Einzelhändler in den Städten sehen Amazon als Konkurrenz – auch in Tübingen. Was sagen Sie dazu?

Innenstädte haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert. Shopping- und Outlet-Center haben an den Stadträndern eröffnet. Das hat die Struktur von Innenstädten schon beeinflusst, als es Amazon noch gar nicht gab.

Amazon glaubt an Vielfalt und ist überzeugt: Online und offline heißt nicht Entweder-Oder. Online- und Offlineeinkauf bieten ganz unterschiedliche Erlebnisse für den Kunden. Kunden lieben Läden nach wie vor. 90 bis 95 Prozent des Umsatzes entfallen noch immer auf den stationären Handel. Beim Einkaufen nutzen die meisten Menschen viele verschiedene Kanäle – sei es der Bäcker, Bioladen oder Supermarkt um die Ecke oder das Online-Angebot. Entscheidend ist, was der Kunde will, und der Kunde ist loyal, wenn das Einkaufserlebnis gut ist.

Viele Händler wissen, dass E-Commerce großartige Möglichkeiten bieten kann. Heute stehen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) für 58 Prozent der weltweit verkauften Produkte über Amazon. Die Unternehmen kommen aus allen Bereichen und Branchen. Im letzten Jahr erzielten KMU allein aus Baden-Württemberg Exportumsätze von mehr als 200 Millionen Euro und beschäftigen mehr als 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Verkäufe über Amazon.