Menschen mit Behinderungen bei Amazon

Was ist, wenn 40 Hände und 200 Finger eine akrobatische Choreographie in der Luft vortanzen? Gebärdensprachkurs bei Amazon in Werne! Jeden Dienstag bringen Yuliia und Wlas, beide 31 Jahre alt, ihren hörenden Kollegen ihre Art zu sprechen bei. Yuliia und Wlas sind gehörlos, von Geburt an. Sie lernten sich als Kinder in ihrer Heimat, der Ukraine, kennen. Der Beginn einer Liebesgeschichte. Als Wlas acht Jahre alt war, wanderte seine Mutter mit ihm nach Deutschland aus. Fast 20 Jahre später folgte Yuliia ihm. Im Sommer 2015 heirateten sie. Ihr Traum von einer gemeinsamen Zukunftsperspektive in Deutschland schien sich zu erfüllen, doch kurz vor der Hochzeit verlor Wlas seine Stelle als technischer Bauzeichner. Die Firma seines Arbeitgebers meldete Insolvenz an, und Wlas blieb nur der Gang zum Arbeitsamt. Die Stellensuche gestaltete sich schwierig, denn noch immer scheuen sich Arbeitgeber davor, gehörlose Menschen in ihr Team aufzunehmen. Zu unberechenbar erscheinen die möglichen Probleme durch Missverständnisse in der Kommunikation. Nach einjähriger Suche bekam Wlas die Gelegenheit, sich bei Amazon vorzustellen. Im November hatte er seinen ersten Arbeitstag. Und nicht nur er – gemeinsam mit ihm trat auch Yuliia eine zunächst befristete Arbeitsstelle bei Amazon an. Als „Problem Solver“ bearbeitet Wlas bei Amazon Fehler im Wareneingang, und Yuliia verteilt die angelieferte Ware an die anderen europäischen Amazon-Standorte. Im Oktober 2017 erhielten beide einen unbefristeten Vertrag. „Die Arbeit macht mir Spaß. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt und bin sehr motiviert, mich weiterzuentwickeln und weiter aufzusteigen“, sagt Wlas.

Von der Langzeitarbeitslosigkeit zur sicheren Zukunftsperspektive

Menschen mit Behinderungen bei Amazon

Yuliia und Wlas sind nur zwei von insgesamt 32 gehörlosen Menschen bei Amazon in Werne. Bernd Kollmer ist seit 2013 Schwerbehindertenvertreter. In dieser Zeit hat sich die Anzahl der bei Amazon Werne beschäftigten Menschen mit Behinderung mehr als verachtfacht – von 19 auf 162. Bernd kennt jeden von ihnen persönlich. Der 57-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Loyalität des Arbeitgebers ist, wenn es um die Inklusion von Mitarbeitern mit Handicaps geht. Er selbst hat sie damals bei seinem Vorgesetzten erlebt, als er vor einigen Jahren ein künstliches Kniegelenk bekam und während der Reha für mehrere Monate ausfiel. Seitdem hat er einen Grad der Behinderung von 30%. „Viele Menschen mit Schwerbehinderung kommen aus der Langzeitarbeitslosigkeit und haben kaum Chancen, eine Arbeitsstelle zu finden. Wir schauen uns jeden Menschen einzeln an und finden heraus, welche Aufgaben er oder sie ihren Fähigkeiten entsprechend übernehmen kann und wie wir sie dabei unterstützen können. Wir haben Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen bei uns, aber auch Menschen mit unsichtbaren Leiden wie psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen. Bei allen achten wir darauf, ihre Arbeit so zu gestalten, dass sie ihr auch dauerhaft gewachsen sind. Wir haben zum Beispiel einen Autisten bei uns, für den ein konstanter Arbeitsablauf sehr wichtig ist. Er möchte daher nur in der Frühschicht arbeiten. Für eine blinde Mitarbeiterin haben wir eine Stelle als Telefonistin geschaffen. Wieder andere Mitarbeiter können ihre Stelle nur mit reduzierten Arbeitszeiten ausüben, weil sie körperlich oder geistig schneller ermüden. Durch diese individuelle Betrachtung konnten wir bereits 83% der Stellen für Menschen mit Behinderung entfristen. Unser Ziel ist, möglichst allen eine langfristige Perspektive zu bieten“.

Wir schauen ganz individuell: Welche Fähigkeiten haben die Kollegen und welche Aufgaben können sie langfristig übernehmen?
Bernd Kollmer, Schwerbehindertenbeauftragter Amazon Werne

Gegen Hilflosigkeit hilft: helfen!
Unterstützung erhalten Bernd und die Kollegen mit Behinderung vom Integrationsfachdienst des Inklusionsamts Arbeit des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe. Martin Lauff vom Integrationsfachdienst ist Ansprechpartner für Menschen mit Hörbehinderung und arbeitet eng mit Amazon zusammen. Zu seinen Aufgaben gehört, die Arbeitsplätze von Menschen mit Hörbehinderung zu sichern, ihnen bei Problemen an ihrer Arbeitsstelle zu helfen und sowohl ihre als auch die Interessen des Arbeitgebers zu berücksichtigen. Martin Lauff hat dafür gelernt, in Gebärdensprache zu kommunizieren. Jeden Mittwoch trifft er sich mit Bernd bei Amazon. Gemeinsam steuern sie alle Arbeitsbereiche im Logistikzentrum an, in denen hörbehinderte Menschen arbeiten, und fragen jeden einzelnen, wo Unterstützung benötigt wird. „Diese regelmäßigen Termine machen sich bezahlt, denn sie fördern das Vertrauen und beugen Missverständnissen vor, die zwischen Hörenden und Gehörlosen in der Kommunikation nicht selten entstehen können. Die hörbehinderten Kollegen sind positiv überrascht, wie viel Begleitung sie bei Amazon durch die Vorgesetzten und Kollegen bekommen, sei es dabei, Fahrgemeinschaften zu bilden, Schichten zu tauschen oder die Arbeitszeiten individuell abzustimmen“, berichtet Martin Lauff.

Kreativität bei der individuellen Arbeitsplatzgestaltung

Menschen mit Behinderungen bei Amazon

Der 25-jährige Fatih ist knapp 1,20 Meter groß. Als er sich bei Amazon vorstellte, überlegte Bernd gemeinsam mit ihm, in welchem Bereich bei Amazon er arbeiten könnte. Die Idee: Fatih übernimmt die Verantwortung für die Qualitätssicherung und Kontrolle der Ware in den beiden unteren Lager-Regalen. „Das war eine echte Win-Win-Situation für mich und für meine Kollegen: Ich hatte eine interessante Tätigkeit, die ich mit meiner Größe gut ausüben konnte. Und meine Kollegen haben sich gefreut, mich im Team zu haben, denn sie mussten sich nicht mehr bücken und konnten sich nun auf die oberen Regale konzentrieren“, erinnert sich Fatih mit einem Augenzwinkern. Inzwischen ist Fatihs Verantwortungsbereich gestiegen: Heute ist er zuständig für die Fehleranalyse und die Auswertung von Statistiken. Ein höhenverstellbarer Tisch hilft ihm dabei, seinen Arbeitsplatz am Computer bequem einzurichten. Und auch Yuliia und Wlas haben sich weiterentwickelt. Als „Instructor“ weisen sie neue gehörlose Kollegen in die Arbeitsabläufe ein. „Wir können uns als Gehörlose untereinander perfekt verständigen. Und die neuen Kollegen freuen sich, dass sie bei Amazon schon am ersten Tag ohne Kommunikationsprobleme einsteigen können“, sagt Yuliia. Der Standortleiter von Amazon Werne, Hrvoje Salamunovic, weiß die hohe Motivation der Kollegen mit Behinderung zu schätzen. „Die Kollegen sind für uns nicht nur wertvolle, sondern auch vollwertige Mitarbeiter. Aus diesem Grund haben wir uns bei Amazon dazu entschieden, auf die staatliche Förderung für die Neueinstellung behinderter und schwerbehinderter Menschen zu verzichten.“ Auch das ist gelebte Chancengleichheit.