Ein Beitrag von Elisabeth Rank

Meine Mutter würde sagen: „Ich hab’s ja schon immer gewusst.” Dann würde sie grinsen und noch anfügen: „…dass gute Geschichten mal dein Beruf werden”. Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor.

Als ich fünf war, dachte ich Geschichten erzählt man vorrangig in Zügen auf langen Fahrten in hoher Lautstärke und vor allem jenen, die gar nicht nach einer Geschichte gefragt haben. Den Mitreisenden oder der Schaffnerin. Wen man halt so trifft, wenn man auf Socken durchs Abteil rutscht. Das mit dem Schreiben hab ich dann mit sechs Jahren begonnen – die meisten Romanversuche endeten jedoch nach drei Seiten, weil mir dann nach Schreiben mit Füller oder Kuli mein Handgelenk wehtat.

Pünktlich zur Pubertät zog in unseren Haushalt ein Computer, und ich schrieb weiter, vorwiegend teenagereske Lyrik. Es ist übrigens sehr kathartisch, wenn man es schafft, diese auf Datenträgern zu speichern und sich viele Jahre später nochmal durchzulesen. Damals dachte ich, Geschichten erzählt man einander am besten in Chatrooms. Anderen Leuten, die man gar nicht kennt. Stundenlang und am liebsten nachts. Die Protokolle könnte man bestimmt auf irgendwelchen Servern nachlesen. Will man aber nicht.

Und plötzlich sind da Leute, die das lesen. Häufig sogar mehr, als man denkt.
Elisabeth Rank

Mit siebzehn lernte ich, dass man seine eigenen Geschichten einfach so veröffentlichen kann. Im Internet. In Foren. Bei jetzt.de oder auf dem eigenen Blog. Und plötzlich sind da Leute, die das lesen. Häufig sogar mehr, als man denkt. Dann kam das Studium. In Berlin, wo ich geboren und aufgewachsen bin, purzelt man da so rein, wenn man nicht aufpasst. Plötzlich studierte ich Publizistik und Kommunikationswissenschaften in einem Randbezirk. Der Bus fuhr nur alle halbe Stunde, die Mensa schloss früh – was soll man da also tun außer sich Romane auszudenken und sehr viel Kaffee zu trinken? Während die anderen, wenn sie gefragt wurden, was sie so machten, antworteten “Ich studiere”, kam mir das nicht so leicht über die Lippen. Das Studium war mein Nebenjob. Hauptberuflich lebte ich, arbeitete in einer NGO, einer Filmproduktionsfirma und einem Nachtclub parallel, um das Studium zu finanzieren und schrieb. Texte, Geschichten, Tweets und Unsinn. Vor allem aber lernte ich, wie das Netz funktioniert. Ich entwickelte politische und unpolitische Formate, ich verkaufte Eintrittskarten für Konzerte und Diskoabende und fegte später durch.

Mit 25 dann veröffentlichte ich meinen ersten Roman. Stimmt, so macht man das in Berlin, werden manche jetzt denken. War aber kein Berlinroman. Eher ein Brandenburg-Mecklenburg-Roman. Plötzlich hatte ich ein Publikum, das bei Lesungen mit echten Gesichtern vor mir saß, sich räusperte oder mittendrin anfing zu schluchzen, manche lachten auch. Die eigene Geschichte kann einem manchmal am meisten Angst machen.

Als ich 2015 in die Online-Redaktion von WIRED Germany wechselte, begann ich kreative Wege zu finden, wie wir Geschichten über das Netz, das Digitale und neue Technologien an die Menschen bringen, die sie wirklich interessierten. Ich lernte auch, dass die Leute nicht auf uns gewartet hatten. Anderthalb Jahre später saß ich vor einer anderen Redaktion, die immer auf meinem Wunschzettel gestanden hatte: Beim ZEITmagazin ONLINE schrieb ich Geschichten, redigierte, suchte, fand und warf Themen zu Kollegen, vor allem aber dachte ich immer mehr darüber nach, wie man Geschichten noch erzählen kann, als nur mit dem geschriebenen Wort. Und wir entwickelten die Idee, Podcasts zu produzieren. Mein damaliger Chef war skeptisch, ich hartnäckig. Ich quatschte Leute an, sammelte Menschen, die ebenso begeisterungsfähig waren für diese Erzählform. „Lasst doch mal was anderes machen”, dachten wir und legten irgendwann einfach los. Als die Podcasts bei ZEIT ONLINE in die regelmäßige Produktion gingen, saß ich schon hier. Bei Audible.

Heute arbeite ich jeden Tag mit über zwanzig Produktionsteams und Medienpartnern daran, das Audible-Original-Podcast-Programm zu produzieren. Was auch bedeutet: Wer eine gute Geschichte hat, kann sie mit etwas Talent und Glück bei uns erzählen. Und wir schaffen den Rahmen dafür: von der Formatentwicklung, über Skriptarbeit bis hin zur Studioproduktion und natürlich Vermarktung. Ich bin in meinem Job nicht auf ein Ressort oder eine Zielgruppe festgelegt, sondern arbeite jeden Tag an einem vielseitigen Programm für die unterschiedlichsten Menschen und mit den unterschiedlichsten Menschen. Gemeinsam entwickeln wir Podcasts, die den Anspruch haben, in Erinnerung zu bleiben. Das sind Gespräche, die unterhalten, Geschichten, von denen man am Abend seinen Freunden erzählt, und Reportagen, die einem helfen, neue Perspektiven einzunehmen. Und damit sitze ich wieder in diesem Zug, ich rutsche zwar nicht mehr auf Socken durchs Abteil und würde von mir auch behaupten, eloquenter zu sein als damals, aber ich erzähle immer noch Geschichten. Denen, die ich so treffe auf meinem beruflichen Weg. Nur dass mich jetzt eine Menge Leute dabei begleiten.

Und vielleicht schreib ich an der nächsten Haltestelle ja doch noch meinen dritten Roman.