Juliane Kronen hat eine Mission: Sie möchte, dass überschüssige Ware einem guten Zweck zugutekommt, und vermittelt daher neuwertige Artikel von Herstellern und Händlern an gemeinnützige Organisationen. Innatura.org heißt die Online-Plattform, die sie dazu vor rund drei Jahren ins Leben gerufen hat. Nahezu 500 Einrichtungen haben mittlerweile die Sachspenden von Amazon und weiteren großen Unternehmen geordert.

Im Grunde wollten wir eine Art ‚Amazon für soziale Zwecke‘: also eine Online-Plattform mit Produktspenden, die von gemeinnützigen Organisationen geordert werden können.
Juliane Kronen

„Alles begann mit 200.000 Flaschen Shampoo“, sagt die heute 52-jährige promovierte Betriebswirtin, die sich ehrenamtlich bereits seit Längerem für verschiedene Organisationen engagiert. „Ein ehemaliger Kollege rief mich an und sagte, er hätte zwei Lkw-Ladungen voll Shampoo auf dem Hof stehen. Die Ware sei hundertprozentig in Ordnung, aber falsch etikettiert. Er würde sie gern spenden. Ob ich helfen könne...“

Als Partnerin einer großen internationalen Managementberatung mit vielen Kontakten begann sie zu telefonieren: „Tage später und nach gefühlten Hunderten von Gesprächen hatte ich begriffen, dass die Menge an Shampoos einfach zu groß für eine einzelne soziale Einrichtung war.“ Die meisten Organisationen verfügten weder über die notwendigen Lagerräume noch über die Logistik. „Das Bitterste war, dass die Shampoos vernichtet wurden, weil sich kein Abnehmer finden ließ.“

Das „andere Amazon“: eine Online-Plattform für soziale Zwecke

Das wollte Juliane ändern. Die erfahrene Unternehmensberaterin besprach sich mit Kollegen: „Wir fanden heraus, dass jährlich in Deutschland Waren im Wert von mehreren Milliarden Euro entsorgt wurden, ähnlich wie bei den Shampoos, weil es keine andere Möglichkeit gab. Bei einem abendlichen Kölsch haben wir beschlossen, dass wir hier eine sinnvolle und nachhaltige Lösung finden wollten.“

Die Idee: überschüssige Ware bei Herstellern und Händlern einzusammeln und sie an soziale Einrichtungen zu vermitteln. „Im Grunde wollten wir eine Art ‚Amazon für soziale Zwecke‘: also eine Online-Plattform mit Produktspenden, die von gemeinnützigen Organisationen geordert werden können“, erklärt sie.

In Deutschland schien es ein solches Modell nicht zu geben, doch in Großbritannien wurde Juliane fündig. Sie stieß auf In Kind Direct: Die gemeinnützige Initiative vermittelt unter der Schirmherrschaft von Prinz Charles seit fast 20 Jahren Überbestände an soziale Einrichtungen. Die Organisation war bereit, beim Aufbau des deutschen Pendants zu helfen. In Kind Direct und innatura sind heute Schwesterorganisationen, die beide dem weltweiten Netzwerk In Kind Direct International Network angehören, dem Prinz Charles als Präsident vorsteht. Da sich Amazon bereits seit Jahren als Partner von In Kind Direct engagierte, bot es sich an, innatura als Gründungsmitglied zu unterstützen. In Deutschland ist innatura die erste Plattform, die neuwertige Sachspenden an gemeinnützige Organisationen vermittelt. Ihren lukrativen Job als Unternehmensberaterin hat Juliane längst an den Nagel gehängt, um sich auf innatura zu konzentrieren.

Bereits seit dem operativen Start im Jahr 2013 arbeiten Amazon und innatura zusammen: „Amazon hat uns proaktiv beim Aufbau unterstützt und nicht nur Waren geliefert, sondern uns auch mit dem logistischen Know-how geholfen“, sagt Juliane im Rückblick. Bislang hat Amazon Neuwaren aus Lager-Überbeständen im sechsstelligen Euro-Wert kostenfrei an innatura geliefert. Außerdem ist Amazon im Kuratorium der Organisation vertreten.

Ein großer Vorteil sei die Breite des Sortiments: „Bei Amazon können wir Schwerpunkte für die Produktspenden mitbestimmen. Wenn wir beispielsweise einen dringenden Bedarf an Schlafsäcken haben, kann Amazon das abdecken“, erläutert Juliane. Der entscheidende Vorteil für Unternehmen liege wiederum darin, dass die Hilfe Organisationen erreicht, die sie auch wirklich benötigen.

Auszeichnung durch „Land der Ideen“

Die Spenden, darunter Spielzeug, Körperpflegeprodukte, Haushaltswaren, Waschmittel und Bürobedarf, lagert innatura im nordrhein-westfälischen Troisdorf. Im nahe liegenden Köln befinden sich die Büros für mittlerweile fünf Verwaltungsmitarbeiter. Viel Aufklärungsarbeit sei am Anfang nötig gewesen: „Wir sind ja mit einem ganz neuen Modell an gemeinnützige Organisationen herangetreten, keiner kannte uns. Da kamen schon mitunter die Fragen auf, wo denn der Haken bei unserem Angebot sei und ob die Ware etwa geklaut sei“, schmunzelt Juliane.

Inzwischen hat die Rheinländerin schon viele Spenden vermitteln können: von Kinderheimen und Kinderhospizen über Senioreneinrichtungen bis hin zu Bahnhofsmissionen und Flüchtlingscamps. Die Produkte sind kostenlos, lediglich eine Vermittlungsgebühr fällt an.

„Es gibt viel Bedarf an unseren Spenden“, erklärt die innatura-Geschäftsführerin, die aktuell nicht nur viele Anfragen von Flüchtlingshilfsorganisationen, sondern auch von anderen sozialen Einrichtungen bekommt. Für ihre Erneuerungsidee erhält sie viel Anerkennung. Vor Kurzem wurde innatura als „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“, einem von der Bundesregierung geförderten Wettbewerb, prämiert.

Für die Zukunft hat Juliane noch einen Wunsch: „Wir möchten noch viel mehr Unternehmen für innatura gewinnen und noch bekannter werden. Nur so können wir dafür sorgen, dass überschüssige, aber einwandfreie Waren zu Einrichtungen kommen, die sie dringend benötigen.“ Falsch etikettiertes Shampoo oder ähnliche Produkte, die nicht mehr verkauft werden können, müssen so nie mehr entsorgt werden, wenn es nach Juliane Kronen geht.